In Gedenken an Helmut Schmidt

Ein guter Pianist, ein Raucher, ein hellsichtiger Analytiker weltpolitischen Geschehens. Die große Beliebtheit des Politikers Helmut Schmidt rührt aber wohl von seiner steten Erwartung her, man müsse kurz bleiben und scharf im Denken – kein Drumherumreden. Nicht der Sachverhalt unter allen Aspekten, sondern sein Kern, er gehöre auf den Tisch und die Tagesordnung.

In einer gleichzeitig Debatten-versessenen und Debatten-müden Bevölkerung wirkte seine pointierte Art, sein Auf-den-Punkt-Bringen, volksnah. Er war Zeit seines Lebens ein verständlicher Politiker – ein Denker, der mit knappen Urteilen, verdichtet, fast schon wie Merksprüche, auskam. Das machte ihn, lange über seine Kanzlerschaft hinaus und bis zu seinem Tod, auch zu einem Medienliebling, einen gern gesehenen Gast, der Geschwätzigkeit spitzfindig und schroff konterte.

Wenn ich mich recht erinnere – ich war wirklich noch sehr jung – war er in den letzten Jahren seiner Kanzlerschaft keineswegs so beliebt und verehrt wie in späteren Jahren. Er wurde nicht nur von seinen politischen Gegnern, sondern schließlich von allen Seiten attackiert, von den alten Konservativen, von den jungen Rebellen. Die ‚Mitte‘ war in den Siebzigern gar nicht so salonfähig wie heute.

Die Veränderungen der politischen Kultur nach ihm, unter Kohl und Schröder, der Paradigmenwechsel vom sozialen zum ökonomischen Primat, die Anbiederung an den hedonistischen Trieb der Gesellschaft, die Hoheit und Macht des Geldes über den Staat, das Hofieren von Mehrheiten, – all das scheint nach Schmidt begonnen zu haben. In wirtschaftlich schwachen Zeiten, das Primat der Sozialgemeinschaft aufrecht zu erhalten, erforderte viel politischen Charakter und viele Schulden. Nach der Kanzlerschaft von Helmut Schmidt, so kommt es mir vor, sind alle politischen Fragen zu Geldfragen geworden. Vielleicht hat er sogar Anteil daran, dass es sich so entwickelt hat. Ich weiß es nicht. Er war aber im öffentlichen Bild, im Mythos, der letzte, der Wählerschaften nicht durch Wohlstandsversprechen sondern als Solidargemeinschaft zu sammeln versuchte.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele Menschen bis heute wegen ihm die SPD wählen, in einer Art Nostalgie, eines Tages würde die Partei zu den alten Gesellschaftsidealen zurückfinden, unter denen ein Übermaß an Wohlstand eher verpönt war, unter denen der einfache Mensch und seine einfache Arbeit, sein Handwerk, seine Lebensführung, noch Selbstbewusstsein haben konnte. Das darf man nicht vergessen: das politische Primat der Ökonomie, der Wohlstand als Lebensziel, muss dazu führen, dass sich auch der Bürger über seinen Wohlstand definiert. Und dann eben weniger über das Miteinander. Das sind wechselwirkende Prozesse.

Ich denke das macht einen guten Teil der Ikone Helmut Schmidt aus. Mit dem Ende seiner Kanzlerschaft ging eine sozioökonomische, eine gesellschaftliche Epoche zu Ende, die aus heutiger Sicht schon fast wie eine Utopie wirkt: Deutschland als Solidargemeinschaft, in der jeder jedem ohne viel des Fragens und Diskutierens hilft. So wie damals, 1948, als der Westen Deutschlands innerhalb von zwei Jahren 12 Millionen Flüchtlinge aufnehmen musste. Oder so wie damals, 1962, als durch die Sturmflut binnen einer Nacht 20.000 Hamburger obdachlos wurden.

Ich weiß nicht inwieweit das mit historischem Recht geschieht, Helmut Schmidt zu einer Ikone des solidarischen Deutschlands zu machen. Aber das ist wohl der Eindruck, das allgemeine Gefühl, dass es nach seiner Zeit dann nur noch ums Geld ging. Und dass, wenn es später in der Geschichte Flutkatastrophen gab, die Politiker immer zusammen mit den Journalisten kamen, nach dem Wasser, sich die Schäden ansahen, vor der Kamera kuschelten und Geld versprachen. So als wäre Geld der Passepartout der Solidarität. Mag sein, dass Schmidt diesbezüglich auch idealisiert wurde, dass man seine späteren, altersweisen öffentliche Auftritte mit der Zeit seiner Kanzlerschaft vermengt. Es ist vielleicht nur ein subjektives Gefühl, weshalb man als einfacher Bürger Helmut Schmidt verehrt – einfach, weil nach seiner Zeit als Bundeskanzler Politik allmählich etwas anderes geworden ist. Unabhängig davon, ob das nun mit ihm zu tun hatte oder nicht.

Veröffentlicht unter Gestrandete Kiesel | Hinterlasse einen Kommentar