Die Lawine

Flüchtlingsströme – ist das nicht eine bildhafte Rede? Ich meine, die fließen ja nicht wirklich, sondern sie gehen zu Fuß oder fahren mit dem Zug. Das ist ja an die Vorstellung von einem Fluss angelehnt – das fließende Wasser, das sich seine Bahn bricht, egal auf welche Hindernisse es trifft?

Und Schnee, wenn ich so überlege, der besteht doch eigentlich auch aus Wasser – halt nur in einem anderen Aggregatzustand.

Aber Flüchtlingsstrom darf ich sagen, nur Flüchtlingslawine nicht? Strom ist okay, Lawine ist böse?

***

Wenn man jetzt im Moment aus eigener Anschauung die Erfahrung machen kann, dass sieben Milliarden Menschen eine viel zu große Masse ist, um sie auf dem Planeten hin und her zu verschieben – dann könnte man ja vielleicht zu dem Schluss kommen, dass Waffen, insbesondere Atomwaffen, zu einem ganz und gar nutzlosen politischen Instrument geworden sind.

Man schreckt sich ja selbst mehr als andere damit.

Denn mit Waffen schafft man Armutsräume, Elendsräume auf diesem Planeten, Regionen, wo keiner mehr so recht leben will. Man hat eben nicht Raum gewonnen. Im Gegenteil, erst einmal hat man Lebensraum zerstört, man hat die Welt enger gemacht. Auch wenn man Häuser anzündet.

Kein einziger Krieg hat die Welt größer gemacht oder die Rohstoffvorkommen gemehrt. Schon rein physikalisch geht das nicht. Man hat vielleicht Räume und Rohstoffe auf die eine Seite geschafft und der anderen Seite weggenommen. Und die Menschen werden immer dorthin gehen, wo sie leben können. Natürlich. Kriege schaffen also nur Bewegung, niemals Raum. Genauso auch das Häuseranzünden.

Am Ende wohnen die, die man bekämpfte, im eigenen Haus, man teilt mit ihnen Bett und Brot. Man macht es immer nur noch schlimmer.

Man wirft Bomben hierhin und dorthin und bekommt dann Flüchtlinge zurück. Auf einem Planet, der ziemlich voll ist, wird das immer die langfristige Folge von Kriegen sein – man ordnet nur die Territorien, aber die Menschen mischt man so lange durch, bis die territorialen Grenzen ihr Gewicht verlieren. Siehe Europa, die vielleicht am häufigsten bekriegte Region der Welt.

Wenn man Multikulti nicht mag, wenn man die eigene Kultur schützen möchte – dann sollte man also erstens um den Frieden in der Welt bemüht sein und zweitens anderen Völkern so wenig wie möglich wegnehmen. Denn auf lange Sicht wird man das, was man ihnen weggenommen hat, wieder mit ihnen teilen müssen. Das geschieht auch nicht nach politischen Gesetzen, wie der Krieg, und darüber kann man, wie man jetzt vielleicht auch lernt, eben nicht so einfach politisch entscheiden. Das geschieht wie eine …. äh …. nein, nicht Lawine. Böses Wort. Das geschieht so wie ein Strom, also wie Wasser, das fließt.

Ach, kommt, echt jetzt – im Grunde meinen beide Bilder doch genau das gleiche. Es ist nämlich auch genau das: ein Naturphänomen. Es sei denn der Mensch wäre etwas ganz und gar anderes als die Natur. Das Wort Naturkatastrophe wirkt doch nur deshalb falsch in Bezug auf Menschenmassen, weil das menschliche Handeln ja von Vernunft geleitet ist, vom freien Willen – und die schnöde Natur selbst so tolle Sachen wie einen vernünftigen Geist ja nicht hat. Nur deshalb. Da laufen die Sprachsittenwächter wieder Amok ohne zu merken, welches Pferd sie da eigentlich reiten.

Dass der Mensch nach einem neuen Lebensraum sucht, wenn sein alter verwüstet wurde, ist indes ein ganz natürliches Verhalten – was denn sonst? Das ist eben keine Sache des Denkens und des politischen Willens sondern reiner, nackter Überlebenstrieb. Menschenskinder – ihr schafft es, sogar das noch zu verdrehen.

Prompt schreibt Heiko Maas: „Menschen in Not sind keine Naturkatastrophe“.

Hoffentlich reibt ihm das jemand unter die Nase, wenn er zukünftig Redeweisen benutzt wie ‚Flüchtlingsstrom‘, ‚Lehrerschwemme‘, ‚Menschenschlange‘, ‚Menschentraube‘, Bewerberflut‘, oder dass sich die Patienten in den Arztpraxen ’stauen‘.

Am Besten man fordert gleich ein generelles Sprachbilderverbot, weil Menschen gar nie nie mit Dingen gleichgesetzt werden dürfen. Einen SPD-Politiker eine rote Socke nennen. Aber dass geht doch nicht, das sind doch Menschen! Herr, was für ein Schwachsinn! Das taugt nur noch zur Satire.

Gerade deshalb, weil diese Menschen das nicht aus innerer Freiheit tun, weil sie keine Wahl haben – genau deshalb ist das Bild von der Lawine doch richtig. Diese Menschen wirft der Krieg hin. Er treibt sie vor sich her. Sie sind genau das: Geworfene, Losgetretene, Herabstürzende, Fallende. Genau das! Sie tun das eben nicht aus freien Stücken, aus einer Descartes-Lektüre heraus: ich denke, also flüchte ich.

Das wäre ja gerade zu begreifen. Es sind hin wie her die Gesetze der Natur, die da wirken, die der Krieg mit seinem politischen Gesetzen da lostritt (ist das jetzt auch ein ein böses Wort?). So wie die Lawine ins Tal donnert – so sucht sich der Mensch Lebensraum, das ist seine Natur.

Und wenn man die Natur des Menschen politisch lenken will, kommt man zu dem Punkt, wo es der Unterdrückung bedarf. Und konsequenter Weise dann auch der Gewalt. Und von dort aus kommt man wieder zum Krieg.

Da denkt doch mal drüber nach, statt an den Wörtern herumzuschrauben, bis sie euch nicht mehr weh tun. Bis sie gefällig sind.

Über M.Collalti

Freier Journalist
Dieser Beitrag wurde unter Gestrandete Kiesel veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar