Jenseits

Manchmal kommt mit das Jenseits wie eine riesige Milchkuh vor, die über uns schwebt. Und viele „Berufene“ greifen von hier aus nach ihr und wollen sie für ihren Säckel im Diesseits melken.

„Lang ist die Zeit, es ereignet sich aber das Wahre.“ Man muss diesen Satz Hölderlins erst lesen lernen. Zeit – an sich – hat ja keine Länge, die Begrenzung haftet an den Dingen, an der Existenz – erst sie hat Länge. Das ist ja wohl eher im Sinne von „Papier ist geduldig“ zu lesen. Und mit der Vorstellung, dass die Zeit wie ein blankes Papier ist, in das wir uns einschreiben, kann man sich da weiterhelfen. Und so glaube ich nicht, dass man Literatur oder Kunst  über den Tod machen kann, nicht wahrheitsgemäß. Ich würde sogar noch weiter gehen: Es gibt keine wahrhaften Aussagen über den Tod. Das ist immer so als sähe man in einen Spiegel, entdecke darin eine Welt und berichte über sie. Doch es ist nur unser eigenes beschriebenes Blatt, das wir dort im Spiegel für etwas anderes zu halten meinen.

Man sollte aber diese zentrale Denkfigur des Deutschen Idealismus nicht einfach abtun, dass jeder Schlusspunkt eine Grenze setze – nur weil sich die Mathematik beholfen hat, diese Ungereimtheit aufzulösen. Ich meine die Ungereimtheit, dass der Schlusspunkt hinter dem Endlichen nur sehr schwer zu denken ist, wenn das Unendliche kein Anfang und kein Ende haben soll (hat das Unendliche einen Anfang, dort wo der Schlusspunkt des Endlichen gesetzt wird, kann es ja schlecht unendlich sein). Das Sein aber als endliche Teilmenge des unendlichen Nichts zu begreifen, das ist dann mathematisches Melken der Milchkuh. Astrophysik kann man mit solch einer Argumentation auch nicht betreiben, höchsten ein paar alte Philosophen wie Gespenster verscheuchen, um Platz zu haben für das eigene Geschwafel. Ich meine, wenn die Naturwissenschaft Fortschritte macht (und jetzt etwa die Existenz von „Antimaterie“ im Labor nachweisen kann), dann sollte man die naturwissenschaftlichen Revisionen der Philosophie vielleicht auch gelegentlich der Revision unterziehen. Denn möglicherweise ist das „Unendliche“ der Mathematik nur „geworfenes/gespiegeltes Sein“, ein selbstfabrizierter Spiegel, den man gegen den „großen“ Spiegel hält und meint, man hätte das Unendliche gesehen. Denn was soll das für eine Teilmenge sein? Man hat also den konkret aufs Blatt geschriebenen Zahlenraum und den, der nicht mehr dort draufpasst, von dem man aber zumindest weiß, wie er fortgeschrieben sein müsste? Ist so das Verhältnis von Diesseits und Jenseits zu denken, es reduziert sich auf die Qualität von Bestimmtheit und Unbestimmtheit? Recht besehen ist das der Unterschied zwischen dem, was wir konkret benennen können und dem, was wir nicht mehr benennen können. Das ist die Definition, die uns die Mathematik vom Unendlichen gibt: – von dem, was man nicht aufs Papier kriegt, davon muss man schweigen.  So schlau waren wir am Anfang auch. Es ist nur Geist, der sich selbst wiederspiegelt. Weiter nichts. Eine größere Wahrheit als die, dass das Denken Grenzen hat, an denen sich das Wissen auf sich selbst projiziert und vermeintliche Gegenstände verhandelt, liegt auch darin nicht. Und wir können wieder zur Ausgangsfrage zurückkehren.

Alle Lehren sind leer. Es gibt keine Lehren. Nur Lernen.

Über M.Collalti

Freier Journalist

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Ein Kommentar zu Jenseits

  1. leser sagt:

    <p>Hallo Herr Collalti,</p>
    <p>einen lesenswerten Artikel haben Sie da im Rheinischen Merkur veröffentlicht. Auch wenn ich nicht in allen Details zustimmen würde – danke für das schöne Gleichnis mit der Milch im Fluss!</p>

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